Rheinische Post
Wir sind dann mal draußen!

Schmutzig, müde und mit aufgeschlagenen Knien vom spielen nach hause zu kommen, das kennen viele Kinder nur noch aus Filmen. Auch in ländlichen Regionen.

Lynn und Janis haben keine Angst vor nassen Füßen. Die beiden Geschwister stehen hier auf einer kleinen Insel der Kendel hinter in Nierderhelsum hinter Weeze.

Lynn und Janis haben keine Angst vor nassen Füßen. Die beiden Geschwister stehen hier auf einer kleinen Insel der Kendel hinter in Nierderhelsum hinter Weeze.

Die Zeiten, als Kinder sich nach der Schule ihre Spielklamotten anzogen und bis zu Dunkelheit draußen verschwanden, ist für die allermeisten Jungen und Mädchen Geschichte, in Städten genau so, wie in unserer ländlichen Regionen. Der Umkreis, in dem sich Kinder von zuhause weg bewegen, ist in den letzten Jahrzehnten immer weiter gesunken, das ist in vielen Studien nach zu lesen. Die vermeintliche Sorge um den Nachwuchs hat dazu geführt, dass wir den urbanen Lebensraum der Kinder immer weiter einengen. Damit beschneiden wir aber auch die Erfahrungsmöglichkeiten. Denn nur wer im Spiel lernt, mit Herausforderungen umzugehen, kann Strategien entwickeln, diese zu meistern. Dabei lernen Kinder Dinge, die ihnen bei ihrer kognitiven Entwicklung helfen. Wer zum Beispiel einen Stein, wie auf unserem Foto, über´s Wasser flitschen lässt, bekommt einen Vorstellung von Reibung und Schwung, lernt also etwas über physikalische Grundlagen. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass das Zusammenspiel der beiden Gehirnhälften durch Bewegung besser geschult wird. Kreative und logische Zusammenhänge werden dadurch verknüpft. Bewegungserfahrungen helfen beim orientieren, wenn es ums Schreiben geht, beim Ordnen von Mengen und Zahlenvorstellungen.

Wer heute mit Lehrern aus der Grundschule spricht, hört immer wieder, dass die Kinder zuhause versumpfen und kaum noch vor die Türe gehen. Das ist nicht nur in den Haushalten der sogenannten Helikopter-Eltern so, sondern ein grundsätzliches Phänomen. Die Auswirkungen sind fatal, das weiß auch Andreas Berndt. Er ist Lehrer, leitet die größte Kevelaerer Grundschule und berichtet von Muskel- und Haltungsschäden, Koordinationsstörungen, Konzentrationsschwächen, Gewichtsproblemen und beeinträchtigter Wahrnehmungsfähigkeit.

„Es ist Paradox was da passiert, denn Kinder wollen von Natur aus rennen, rutschen, drehen und schleudern. Das sehe ich jeden Tag in der Pause. Kinder sind von Geburt an Neugierig und haben einen angeborenen Bewegungsdrang.“

Das Stubenhockertum beeinträchtigt die körperliche, geistige und soziale Entwicklung der Kinder. Bewegung und Wahrnehmung sind direkt miteinander verbunden, so der Schulleiter.

Diese Sinneserfahrungen fehlen heute ganz vielen Kindern, zum einen, weil der Platz zum Spielen draußen begrenzt ist, zum anderen, weil Kinder stundenlang medialen Reizen ausgesetzt sind. Ob nun durch Fernsehen, Playstation oder Smartphone. Mittlerweile ist es keine Seltenheit, das die Schüler ganzer Grundschulklassen von ihren Eltern mit Smartphones ausgestattet sind. Die Kinder haben WhatsApp-Gruppen gebildet und chatten täglich, teilweise über lange Zeiträume.

Das Thema beschäftigt auch Falk Hübinger. Er ist Erlebnispädagoge und arbeitet beim Caritasverbund Geldern-Kevelaer. „Früher war es für mich normal, dass ich nach der Schule auch mal 1,5 km zu einem Freund gelaufen bin. Heute werden die Kinder überall hin kutschiert“, erzählt er. Das hat sicherlich auch mit den veränderten Familienmodellen zu tun.

Beide Eltern sind arbeiten, es ist kaum noch Zeit für die Kinder da und Eltern glauben ihr Kind zu stärken, wenn sie es mehr behüten und vermeindlichen Gefahrenpotentialen aus dem Weg gehen. Das Gegenteil ist aber der Fall. „Um der Situation angemessen zu begegnen muss das Problem von den Eltern aber erst als Problem wahrgenommen werden.“, so Hübinger.

„Bei Projekten in Kindergärten oder im offenen Ganztag höre ich immer wieder, dass Kinder Angst haben sich dreckig zu machen“, erzählt er. Dabei sei die Lösung ganz einfach. „Die Eltern sollten nur gute Vorbilder sein. Es braucht kein besonderes Highlight. Oft reichen Hinkelkästchen, Straßenkreide oder ein Kletterseil, um den Kindern Anreize zu geben nach draußen zu gehen.“

Um das wieder zu lernen, sollten Eltern und Kinder gemeinsam draußen Zeit verbringen, auch jetzt im Winter. In den nächsten Ausgaben stellen wir im Rahmen unserer neuen Serie „Jacke an und raus“ Aktionen vor, was Eltern und Kinder draußen machen können und für die es sich lohnt, mal wieder die alten Spielklamotten anzuziehen.

Veröffentlich in der Rheinischen Post

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